26.06.2026
Die Gesamtlänge des Fernkältenetzes in Österreich ist von drei Kilometern im Jahr 2010 per Ende 2025 auf 45 Kilometer angewachsen
Temperaturen jenseits der 35-Grad-Marke sind in den Sommern von europäischen Städten längst Normalität. Für verwundbare Bevölkerungsgruppen wie ältere Menschen, Kinder oder Menschen mit Vorerkrankungen stellen Hitzewellen eine ernsthafte Gesundheitsgefahr dar. Gleichzeitig boomt die Nachfrage nach Klimaanlagen, was gerade in Hitzeperioden den Stromverbrauch in die Höhe treibt und die Wärmeinseleffekte in Städten weiter verstärkt. Denn herkömmliche Klimaanlagen verbrauchen enorme Mengen an Strom, erzeugen Abwärme und belasten die Stromnetze in Spitzenlastzeiten erheblich. Um diesem Teufelskreis zu entkommen, ist eine systemische Alternative gefragt – Fernkälte.
Fernkälte, die bessere Lösung
Fernkälte funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie Fernwärme: In einer zentralen Anlage wird Kälte erzeugt und über ein unterirdisches Rohrleitungsnetz an Gebäude, Büros, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen geliefert.
Gegenüber Klimageräten bietet Fernkälte folgende Vorteile:
- Bis zu 50 Prozent niedrigere CO₂-Emissionen,
- keine lauten Außengeräte,
- keine Abwärme-Strahlung auf Straßenebene und
- eine deutlich höhere Effizienz im Netzbetrieb.
Große Projekte in den Bundesländern
Bis 2035 will die Fernwärmewirtschaft in Summe 193,2 Millionen Euro investieren. Dadurch sollen rund 200 MW Fernkälte-Leistung errichtet werden.
Die derzeitige Hitzewelle verdeutlicht die Dringlichkeit des Ausbaus. Die Linz AG betreibt drei große Fernkältezentralen im Linzer Stadtgebiet:
- Donaupark: Die erste Linzer Fernkältezentrale, die seit 1993 in Betrieb ist.
- Friedhofstraße: Ergänzt das Netz und versorgt urbane Gebäude.
- Wiener Straße: Die neueste Anlage, die unter anderem das WIFI OÖ versorgt.
Die Linz AG investiert 95 Millionen Euro in das neue Fernkälte-Projekt „Klimatunnel“ zur Kühlung großer Gebäude. In Summe werden in Linz großen Krankenhäuser, Bürokomplexe, Kultur- und Gesundheitseinrichtungen zunehmend auch ganze Wohnanlagen mit Fernwärme versorgt.
In Graz wird LKH-Univ. Klinikum Graz mit Fernkälte gekühlt. Dazu wird eine eigene, groß angelegte Energiezentrale mit Wärme-Kälte-Kopplung eingesetzt, die verschiedene Trakte und Kliniken des Krankenhauses ganzjährig mit Kühlkreisen versorgt. In der „Smart City“ Graz kühlt die Energie Graz knapp 700 Wohnungen und Büros mit einem innovativen, kombinierten Energiekonzept mit umweltfreundlicher Kälte. Die Kälteerzeugung erfolgt über Geothermie, Wärmepumpen und Photovoltaik.
In St. Pölten wurde und wird Fernkälte konsequent ausgebaut: Neben dem Universitätsklinikum werden etwa auch die Fachhochschule und der Bahnhof der niederösterreichischen Landeshauptstadt mit Fernkälte gekühlt.
Neu in diesem coolen Kreis ist Bregenz. Die Stadt startete 2025 mit der Versorgung von Gebäuden mit nachhaltiger Kälte. Dabei kommt ein besonders umweltfreundliches Verfahren zum Einsatz – das sogenannte „Free Cooling“ mit Wasser aus dem Bodensee, das über Kältetauscher direkt zur Gebäudekühlung genutzt wird, also ohne den Einsatz energieintensiver Maschinen. Der Bau des Seekraftwerks gilt es als größtes derartiges Projekt in ganz Österreich und es erfolgte bereits die Anbindung erster Gebäude: des Bregenzer Festspielhauses und des städtischen Schwimmbads.
Wien mit stetigem Ausbau
Während Teile Wiens mit provisorischen Maßnahmen auf extreme Temperaturen reagieren, profitieren angeschlossene Gebäude von konstant angenehmen Innentemperaturen: zuverlässig, leise und klimafreundlich.
Mit dem mehr als 30 Kilometer langen Fernkältenetz werden bereits mehr als 220 Gebäude versorgt. Mit Großanlagen in zentralen Bezirken werden etwa der Austria Campus, das Naturhistorische Museum, das Musiktheater Ronacher, das Rathaus, das AKH oder Hauptbahnhof mit Fernkälte versorgt. Im Juni hat Wien Energie eine neue ihre Kältezentrale im Donaufeld in Betrieb genommen und betreibt nun insgesamt 25 Kältezentralen.
Verkauf von Fernkälte und Investitionen nehmen stark zu
Seit 2009 hat sich der Verkauf von Fernkälte auf dem österreichischen Markt von rund 25 GWh auf zuletzt 228 GWh mehr als verzehnfacht. „Die Hitzerekorde der vergangenen Jahre heizen die Nachfrage
nach Fernkälte im ganzen Bundesgebiet an“, sagt Katalin Griessmair-Farkas, stellvertretende Geschäftsführerin des Fachverbands Gas Wärme. Zudem werde in den anhaltenden Leitungsausbau und in die verstärkte Anschlusstätigkeit bei Gebäuden investiert.
Noch 2010 steckte Fernkälte in den Kinderschuhen. Das Netz war gerade einmal drei Kilometer lang. Ende des vergangenen Jahres betrug die Gesamtlänge des heimischen Fernkältenetzes mehr als 45 Kilometer. Die installierte Fernkälteleistung stieg zuletzt von 186 MW auf 211 MW an.
Über Fernkälte
Fernkälte ist die umweltfreundliche Alternative zur Einzelklimatisierung. Isolierte Rohre transportieren das auf 5 bis 6 Grad Celsius gekühlte Wasser zu den Kunden. Mit etwa 16 Grad Celsius fließt es zur neuerlichen Abkühlung wieder zurück. Wie bei Fernwärme werden die Objekte in der Regel zentral versorgt.
Für die Abkühlung des gelieferten Wassers werden hocheffiziente mit Strom betriebene Kompressoren oder Absorber, die mit Wärme betrieben werden, genutzt. Die Verwendung dieser hocheffizienten Technologien spart massiv Strom . In den Absorptionskältemaschinen werden dieselben Energiequellen, die für die Erzeugung von Fernwärme benutzt werden, als Antriebsenergie verwendet. Insbesondere Abwärme aus Industrie, Abfallverbrennung oder Geothermie, die das ganze Jahr zur Verfügung stehen, eignen sich hervorragend für die Kälteerzeugung.